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30.01.2019

Kunststoffrecycling ist besser als sein Ruf

BMU-Faktencheck zu Recycling- und Einsatzquote

Aufgrund der Berichterstattung der Tagespresse, die das deutsche Recyclingsystem zu „Müll“ erklärt habe, sah sich das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) genötigt, über einige durcheinander geratene bzw. veraltete Fakten aufzuklären. Unter anderem wandte sich das Ministerium in seinem „Faktencheck zum Plastikrecycling“ gegen die Behauptung, es werde doch viel weniger recycelt als immer behauptet, und stellte fest, dass 2017 in Deutschland insgesamt 14,4 Mio. t Kunststoff verarbeitet wurden, 11,8 Mio. t verbraucht.

  • Bundesumweltministerin Svenja Schulze hatte Ende November 2018 einen 5-Punkte-Plan mit Maßnahmen für weniger Kunststoff und mehr Recycling vorgelegt, …  (© BMU/Sascha Hilgers)

    Bundesumweltministerin Svenja Schulze hatte Ende November 2018 einen 5-Punkte-Plan mit Maßnahmen für weniger Kunststoff und mehr Recycling vorgelegt, … (© BMU/Sascha Hilgers)

  • … die unter anderem eine Mischung aus gesetzlichen und freiwilligen Maßnahmen zur Vermeidung von überflüssigem Plastik vorsehen (© BMU/Sascha Hilgers)

    … die unter anderem eine Mischung aus gesetzlichen und freiwilligen Maßnahmen zur Vermeidung von überflüssigem Plastik vorsehen (© BMU/Sascha Hilgers)

  • Flankiert wird das Arbeitsprogramm mit einer Öffentlichkeits-Kampagne „Nein zur Wegwerfgesellschaft“, die unter dem Motto „Weniger ist mehr“ steht (© BMU/Sascha Hilgers)

    Flankiert wird das Arbeitsprogramm mit einer Öffentlichkeits-Kampagne „Nein zur Wegwerfgesellschaft“, die unter dem Motto „Weniger ist mehr“ steht (© BMU/Sascha Hilgers)

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Die – aufgrund von Exporten und langlebigen Anwendungen – deutlich geringere Abfallmenge liegt 2017 in Deutschland bei 6,15 Mio. t. Ungefähr 46 % davon gingen ins Recycling (stoffliche Verwertung), knapp 53 % wurden zur Energiegewinnung verbrannt, oder im Detail: 45,9 % der Gesamt-Kunststoffabfälle wurden dem werkstofflichen und 0,8 % dem rohstofflichen Recycling zugeführt. Für 52,7 % der Gesamt-Kunststoffabfälle erfolgte eine energetische Verwertung (17,9 % als Ersatzbrennstoff und 34,8 % in Müllverbrennungsanlagen mit Energierückgewinnung). Die restlichen 0,6 % wurden deponiert oder ohne Rückgewinnung von Energie verbrannt.

Recyclingquote vs. Recyclingmaterial-Einsatzquote

Diese Recyclingquote von rund 46 % bedeutet in absoluten Zahlen, dass 2,8 Mio. t Kunststoff dem Recycling zugeführt wurden. Daraus ließen sich – nach Gewichtsverlusten durch Feuchtigkeit, Verunreinigungen oder dem Aussortieren bestimmter Farben – in Deutschland 1,9 Mio. t Rezyklat zur Herstellung neuer Kunststoffprodukte gewinnen – also ca. 30 % der angefallenen Abfallmenge von 6,15 Mio. t. Davon wurden 1,76 Mio. t in Deutschland zur Herstellung neuer Kunststoffprodukte eingesetzt, der Rest wurde exportiert. Bei Verpackungen liege die erreichte Recyclingquote etwas höher. Im Jahr 2016 wurden mehr als 50 % der Kunststoffverpackungen dem Recycling zugeführt.

Zu unterscheiden davon ist eine unter Berufung auf das Wuppertal-Institut genannte Zahl von 5,6 %, bei der es sich um eine Einsatzquote handle: die Menge des aus Post-Consumer-Abfällen (also vor allem aus dem gelben Sack) gewonnenen Rezyklats im Verhältnis zur gesamten Kunststoffproduktion. Es werde hier also offenbar die dem Recycling zugeführte Menge verwechselt mit dem Rezyklateinsatz in der deutschen Produktion, kommentierte das BMU und hatte ein griffiges Beispiel parat: Eine PET-Flasche aus Deutschland, die im Ausland zur Herstellung eines Fleece-Pullovers verwendet wird, taucht zwar nicht in der Recyclingmaterial-Einsatzquote deutscher Produktion auf, muss aber als recycelt gezählt werden und zählt daher in der Recyclingquote.

Zur Einordnung des Werts von 5,6 % seien darüber hinaus zwei weitere Faktoren wichtig:

  • Die Einsatzquote erhöhe sich auf 12,3 %, wenn man auch die Rezyklate aus Kunststoffabfällen aus der Produktion hinzurechnet.
  • Zum anderen bezieht sich die Einsatzquote auf die Kunststoffproduktion und nicht auf den tatsächlich zur Verwertung zur Verfügung stehenden Abfall, ist also zum Vergleich mit der Recyclingquote ungeeignet.

Input- vs. Output-Berechnungen

Genau hinsehen muss man auch beim Vergleich von Recyclingquoten über Ländergrenzen hinweg, so das BMU-Dokument Das BMU klärt auf zum Thema Plastikrecycling . Hier hat es gerade eine Änderung durch das Kreislaufwirtschaftspaket der EU gegeben. Bisher orientieren sich die EU-Mitgliedstaaten bei den Recyclingquoten an sogenannten Inputberechnungen. Man zählte also, was aus einer Sortieranlage in das Recycling geht, erläuterte das BMU. Davon wird aber nicht alles stofflich verwertet, sondern auch ein Teil (Verschmutzungen, Störstoffe) verbrannt. Die Berechnung ändere sich nun durch die neuen europäischen Vorgaben.

Nach der geänderten europäischen Abfallrahmenrichtlinie gelten zukünftig EU-weit Output-orientierte Quoten, die noch dazu deutlich angehoben wurden. An der Konkretisierung dieses Output-orientierten Ansatzes arbeiten nach Angaben des Ministerium derzeit die europäischen Experten.

Zählt exportierter Kunststoffmüll als recycelt?

Grundsätzlich verweist das BMU darauf, dass Abfälle nur zur Verwertung exportiert werden dürfen und nicht etwa zum Deponieren. Zudem muss der Empfänger die europäischen Standards für die Verwertung einhalten. Für Abfälle aus Verpackungen, die auf die Recyclingquoten angerechnet werden, muss das Recycling – auch im Ausland – nachgewiesen werden.

Das Ministerium beklagt allerdings auch, dass im globalisierten Kunststoff(abfall)markt Betrug beim Recycling „leider nicht ausgeschlossen“ sei und bessere Kontrollen nötig sind. „Die neue Zentrale Stelle ist hierfür besser aufgestellt als die bislang zuständigen Länderbehörden“, so das BMU.

Zum Umfang der Exporte liegen keine genauen Statistiken vor, jedoch werden laut Ministerium die Verpackungsabfälle aus dem gelben Sack oder der gelben Tonne „zum allergrößten Teil in Deutschland und der EU recycelt“. Nach China zum Beispiel ging zuletzt ein Anteil von rund 2 %.

Nach internationalem Recht gelte für Kunststoffabfälle als Wirtschaftsgüter das Prinzip des freien Handels, solange es keine Einfuhrbeschränkungen gibt. Gefährliche Kunststoffabfälle oder Abfallgemische, die sich nicht gut recyceln lassen, zählen jedoch nicht zu solchen Wirtschaftsgütern, sondern nur sortenreine Kunststoffe. (kk)

Weiterführende Information
  • Kunststoffrecycling

    Das Online-Special rund um das Recycling von Kunststoffen

    Nur wenige Werkstoffe sind für eine Verwertung so gut geeignet wie Kunststoffe. In unserem Special „Kunststoffrecycling“ haben wir für Sie eine Auswahl an relevanten und aktuellen Entwicklungen und Produkten zum Thema Wiederverwertung von Kunststoffen zusammengestellt.   mehr

  • 06.07.2018

    Sünder im Dialog

    Meinung

    Die ehrgeizigen Recyclingziele für Kunststoffe können nur durch eine intensivere Kommunikation entlang der gesamten Wertschöpfungskette erreicht werden.   mehr

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2 Kommentare
  • 30.01.2019 von Hohe Qualität: Genau was wir wollen

    Lieber (anonymer) Leser,

    normalerweise gilt das Vier-Augen-Prinzip, gerade im Heft (lesen Sie das auch? Haben Sie da Fehler gefunden?)?

    Aber bei Online-Veröffentlichung ist der Zeitdruck höher, und dann gehen gerade in so langen Texten auch mal Fehler durch. Zum Glück kann man ja auch mal nachträglich korrigieren - werden Sie gerne konkreter, wenn Ihnen noch was aufstößt.

    Für beide Formen gilt: Gleichgültigkeit sollten Sie uns nicht unterstellen. Wir lieben es, Informationen über Kunststoffe weiterzugeben. Das möglichst interessant und korrekt zu tun, ist eine Herausforderung, die uns täglich anspornt.

    Vielleicht sollten wir uns ja mal kurzschließen - jemanden mit so scharfem Auge wie Sie könnten wir sicher noch gut gebrauchen :-)

    Herzliche Grüße
    Karlhorst Klotz

  • 30.01.2019 Orthographie

    Sicher ein Artikel, der auf Interesse bei vielen Lesern stößt. Doch liest den auch nochmal jemand gegen, bevor er veröffentlicht wird? Dieser Text ist einer von vielen, die regelmäßig erscheinen und nur so vor Fehlern strotzen. Hat der Verfasser so wenig Zeit oder spielt Gleichgültigkeit mit rein?

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