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18.04.2017

Warum machen Kunststoffe Angst?

Ein Erklärungsansatz vom Soziologen Prof. Ortwin Renn

Für die Bevölkerung sind Risiken und Gefahren im Zusammenhang mit Kunststoffen und Chemieindustrie schwer einschätzbar. Das führt zu polarisierenden Diskussionen, bei denen die Industriebranche mit reinen Fakten und Zahlen nicht immer überzeugen kann. Warum, erklärte Prof. Ortwin Renn auf dem 25. Stuttgarter Kunststoffkolloquium.

In der Wissenschafts- und Techniksoziologie ist Prof. Ortwin Renn bereits eine Koryphäe seines Fachs, die Kunststoffbranche durfte ihn auf dem 25. Stuttgarter Kunststoffkolloquium Ende März kennenlernen. Der Hochschullehrer des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart und wissenschaftlicher Direktor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) war als Mitglied einer von der Bundeskanzlerin Angela Merkel eingesetzten Ethikkommission bereits beratend für die Bundesregierung tätig und ist Autor des 2014 erschienenen Buches „Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“. Über Risikowahrnehmung in Zusammenhang mit Kunststoffe referierte er auch in Stuttgart.

Chemie als Projektionsfläche

Wissenschafts- und Techniksoziologe Prof. Ortwin Renn während seines Vortrags (© F.Gründel/Hanser)

Obwohl viele Menschen das Gefühl haben, die Welt würde immer gefährlicher werden, wies Renn zunächst darauf hin, dass die Lebenserwartung kontinuierlich ansteigt. Derzeit liegt sie in Deutschland für Männer bei 78 und Frauen bei 83 Jahren. Dieser Fortschritt ist vor allem Entwicklungen in Hygiene, Medizin und Technik zu verdanken. Dennoch gibt es eine große Diskrepanz zwischen subjektiver und objektiver Wahrnehmung von Risiken. „Vieles wird eigentlich immer besser“, so Renn, „doch die Bevölkerung glaubt, dass es immer gefährlicher wird.“ So wird die Chemie, inklusive Chemieindustrie und chemischer Erzeugnisse, von etwa einem Drittel, gut 30%, als Risiko wahrgenommen. Dabei sind die objektiven Hauptrisikofaktoren für die menschliche Gesundheit seit Jahren dieselben: Zigaretten- und Alkoholkonsum, schlechte Ernährung und Bewegungsarmut.

Drei Ursachen beeinflussen Risikowahrnehmung

Die verfälschte Risikowahrnehmung führt Renn auf drei Ursachen zurück. Zum einen hängt sie mit dem kausalen Denken zusammen. Dabei sind Ursache und Wirkung eng an Zeit und Ort gebunden. Man kann beispielsweise die Gefahr eines auf sich zu rasenden Autos besser und realistischer einschätzen als etwa das Risiko durch Stickoxid-Belastung. Viele moderne Gefahren seien aber losgelöst von Ort und Zeit und daher komplex, so Renn. Zum zweiten erschwert stochastisches Denken die Gefahreneinschätzung. Seltene Vorfälle mit großer Wirkung, wie etwa ein Terroranschlag, sind meist präsenter und werden daher als höheres Risiko wahrgenommen als alltägliche Situationen. Das Arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und unscharfen Rändern funktioniert zwar objektiv, persönlich ist es aber nur schwer hinnehmbar.

Die dritte und vielleicht aktuellste Ursache einer verzerrten Risikowahrnehmung bezeichnet Renn als „vagabundierendes Vertrauen“. Weil der moderne Mensch Risiken nicht mehr selbst physisch erfahren und erforschen kann, muss er auf die Aussagen von Experten vertrauen. Das hat jahrzehntelang weitgehend funktioniert, kommt nun aber durch Medien, digitale Algorithmen (wie Google beispielsweise seine Ergebnisse anzeigt und an die Vorlieben des Nutzers der Suchmaschine anpasst) und dem zunehmenden Vertrauensverlust in Vorbilder ins Wanken – Stichwort alternative Fakten, mit denen sich die US-Regierung unter Trump brüstet.

Verständnisvoll und authentisch auftreten

Dr. Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer Plastics Europe Deutschland e.V. (links), und Prof. Ortwin Renn (rechts) lauschten und beantworteten Fragen aus dem Publikum (© F. Gründel/Hanser)

Alle drei Faktoren tragen dazu bei, dass die Gefahr besteht, „sich vor den falschen Risiken zu fürchten und die richtigen zu unterschätzen“, so Renn. Das mache die gesellschaftliche Akzeptanz für chemische Erzeugnisse wie Kunststoffe schwierig. Renn riet daher den Vertretern der Kunststoffindustrie, verständnisvoll und vor allem authentisch aufzutreten. Das bewirke oftmals mehr als reine Faken. Dazu gehöre aber auch, mit Fehltritten und möglichen Gefahren offen umzugehen. So könne eine naheliegende Erkenntnis sein, die Produktion von „Plastiktüten“ zurückzufahren oder zu reglementieren, weil die ökologischen Kosten in der Gegenrechnung zu hoch seien. Insgesamt sollte man sich um die Akzeptanz der „Mitte der Gesellschaft“ bemühen, denn „die Menschen mit extremen Positionen und Einstellungen bekommt man nie zusammen“, so Renn. Das Publikum lauschte auf jeden Fall sehr andächtig und nahm viele Denkanstöße mit, die im Anschluss an den Vortrag vielfältig weiter diskutiert wurden.

Franziska Gründel, Redaktion

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